Bericht über Messebesuch „Wish for a baby“ Köln Oktober 2025

30. Nov. 2025

Unsere Gastautorin, 34 und kinderlos, besucht die Messe „Wish for a Baby“ als kritische Beobachterin – doch schon nach wenigen Minuten wird sie eingeordnet: noch zu jung für eine Eizellspende, zu alt, um selbst als Spenderin infrage zu kommen, genau richtig für das Einfrieren der eigenen Eizellen.

Was als distanzierte Recherche begann, wurde für sie zu einer zutiefst persönlichen und emotional belastenden Erfahrung. In diesem sehr subjektiven, hautnahen Bericht schildert sie ihre Eindrücke von der subtilen Maschinerie der Kinderwunschindustrie: Wie Frauen in Sekundenschnelle zur Ressource werden, Verzweiflung gesät und ausgenutzt wird und ethische Grenzen zur bloßen Frage des richtigen Reiseziels schrumpfen. Ein nüchterner Blick hinter die Hochglanzfassade des globalen Baby-Markts.

Im Netz der Kinderwunschindustrie: Die Frau als Ressource und die Illusion der Freiheit

 

Die Frau, reduziert auf ihr reproduktives Zeitfenster. Diese harsche Erkenntnis blieb von der Messe „Wish for a Baby“ zurück. Ich war eigentlich nicht als Kundin dort, sondern als 34-jährige Frau, als kritische Beobachterin und Messe-Gegnerin, die verstehen wollte, welche Rolle die Leihmutterschaft in diesem expandierenden Markt spielt. Ohne Skript oder feste Rolle war mein Ziel, still zu recherchieren, Material zu sammeln und die Atmosphäre zu verstehen. Doch kaum angekommen, wurde mir klar: Nicht alle Themen sind für jede Zielgruppe bestimmt. Statt über Leihmutterschaft zu sprechen, fand ich mich plötzlich inmitten einer subtilen Verkaufsmaschinerie wieder – umworben, eingeordnet, kategorisiert.

 

Unmittelbar irritierte mich, wie schnell man auf der Messe aussortiert wurde. Bei Agenturen, die Leihmutterschaft anbieten, wurde ich kaum beachtet – offenbar passte ich als junge, alleinreisende, wohl alleinstehende Frau nicht ins gewünschte Profil. Nur kurz nachdem ich am Stand von Klein Fertility Law vorbeiging, hörte ich, wie ein Mann hinter mir direkt mit der Frage angesprochen wurde: „Haben Sie Interesse an Leihmutterschaft in den USA?“. Dieses unmittelbare Aussortieren machte mir schnell klar: Ich war auf dieser Messe nicht primär als Person, sondern als Teil einer demografischen Zielgruppe unterwegs – und meine Kennzeichen sagten dem System sofort, wo ich nicht hingehörte. Dafür wurde ich an anderen Ständen, etwa bei IVF-Anbietern, sofort aktiv angesprochen: Eizellen einfrieren, künstliche Befruchtung, Optionen für junge, alleinstehende Frauen – ich wurde direkt als mögliche Kundin gesehen, ohne dass ich viel sagen musste. Plötzlich war ich Teil eines Verkaufsgesprächs. 

Diese Anbahnung beginnt früh: An den Ständen der IVF-Anbieter waren auffällig viele junge Frauen zu beobachten, die sich in ungezwungene Gespräche auf Sofas verwickeln ließen. Im Mittelpunkt stand dabei vor allem das Angebot, den Kinderwunsch hinauszuzögern – etwa durch das Einfrieren von Eizellen [social freezing] – oder eine Schwangerschaft auch ohne Partner zu ermöglichen. Das ist die Kernzielgruppe: Frauen, die sich reproduktive Optionen offenhalten wollen. Sie wurden unter dem harmlos wirkenden Deckmantel des Eizellen-Einfrierens über künstlichen Befruchtung und verschiedener Therapiemöglichkeiten aufgeklärt. Was dabei mitschwang: Wer jung, fruchtbar und gut informiert ist, wird womöglich nicht nur zukünftige Kundin, sondern auch potenzielle Spenderin. Denn wer schon über Eizellen nachdenkt, denkt vielleicht irgendwann auch darüber nach, sie nicht nur für sich selbst zu sichern, sondern weiterzugeben – gegen Bezahlung. So wird eine junge Zielgruppe gewonnen, die in die Spirale der Kinderwunschbehandlung eintritt – als Kunde oder als Ressource.

 

Auch ich wurde freundlich empfangen. Man erklärte mir ruhig und ausführlich den Ablauf, nannten erste Schritte, verwies auf notwendige Hormonwerte – und plötzlich war ich nicht mehr Besucherin, sondern potenzielle Patientin. Das Gespräch war professionell, offen, fast fürsorglich, aber jeder Satz zielte darauf ab, mich ins System einzufädeln. Sogar der Hinweis auf ein günstigeres Medikament aus Frankreich wirkte weniger wie ärztliche Beratung, sondern eher wie ein Insider-Tipp im Nebensatz. Diskret, aber kalkuliert.

 

Besonders eindrücklich und zugleich irritierend war ein Gespräch mit einer Agentur aus Nordzypern. Man bot ein Rundum-sorglos-Paket an, das in der Broschüre als attraktive Pauschalreise beworben wurde: 5-Sterne-Hotel und medizinische Behandlung, kombiniert zu einem Entspannungsurlaub. Man warb mit dem „tollen Klima“, der Entspannung auf der Insel – Urlaub und Eizellentnahme ließen sich, so der Tenor, wunderbar miteinander verbinden. Reproduktionsmedizin als Wellnessangebot – das hat mich stutzig gemacht. Auch das Thema Leihmutterschaft stand unausgesprochen im Raum. Während etwa die Klinik aus Istanbul klar kommunizierte, dass sie keine Leihmutterschaft anbietet – entsprechend der Gesetzeslage in der Türkei –, blieb man bei der nordzypriotischen Agentur wenige Schritte weiter auffällig vage. Obwohl Leihmutterschaft dort teilweise legal ist, wurde sie im Gespräch nicht erwähnt. Auch die Broschüre schwieg, obwohl auf der Homepage offen damit geworben wird. Ich frage mich im Nachhinein, ob das bewusste Strategie ist – ein Thema, das erst dann zur Sprache kommt, wenn das Vertrauensverhältnis da ist. Als stilles Backup-Angebot, falls andere Wege unerwartet scheitern. In welchen Sog gerät man, wenn man sich darauf einlässt? Denn wer sich einmal auf diesen Weg begibt, bekommt schnell das Gefühl: Für jedes Problem gibt es irgendwo auf der Welt eine Lösung – gegen Geld. Was medizinisch und rechtlich anderswo verboten ist, wird an einem anderen Ort legal und als „Service“ angeboten. Die Schwelle sinkt. Die Angebote werden enttabuisiert, durch geschickte Verpackung, durch Verschweigen, durch Verharmlosung. Dies geschieht im Rahmen breiter Service-Kataloge der Kliniken, die von Fruchtbarkeitsbehandlungen über Eizell- und Samenspender-Datenbanken bis hin zur Leihmutterschaft alles als nahtloses Angebot bereithalten.

 Ein Moment, der mich besonders nachdenklich machte, war die unvermittelte Wende in einem Gespräch. Die Vertreterin einer Klinik aus Lettland, spezialisiert auf „Fertility Treatments“, sprach mich interessiert an. Doch als sie mein Alter – 34 – erfuhr, ließ sie das Gespräch abrupt enden. Ich war zunächst irritiert, doch mit einem kurzen Blick auf deren Flyer wurde klar: Für ihr beliebtes Eizellspenderinnenprogramm darf man maximal 33 Jahre alt sein – ich war also vermutlich zu alt, um als Spenderin infrage zu kommen. Gleichzeitig war ich aber offenbar zu jung, um als Empfängerin einer Eizellspende eine relevante Zielgruppe darzustellen. Frauen in meinem Alter sollen es, so der gängige Messegrundsatz, „erst mal selbst versuchen“ – mithilfe der breiten Therapiepalette die besagte Kliniken gleich mit anbieten. Medizinisch verständlich vielleicht – aber aus Gesprächssicht war das nur eines: kühl, kategorisch, effizient. Ein Jahr Unterschied und man rutscht aus beiden Rollen heraus. Das zeigt auf drastische Weise, wie reproduktive Märkte ticken: Man wird eigentlich nicht als Mensch mit Geschichte, Wünschen oder Unsicherheiten betrachtet, sondern als potenzieller Teil eines Systems – als Spenderin, Empfängerin oder Kundin. Wer nicht ins Schema passt, wird aussortiert. Oft leise, aber spürbar. Diese blitzschnelle Kategorisierung – die Eignung als Spenderin versus die Relevanz als Zahlungskundin – zeigt, dass es hier nicht um individuelle Beratung, sondern um die maximale Effizienz der Ressourcengewinnung und -vermarktung geht.

Trotz dieser kühlen Kategorisierung – mein Alter war ungeeignet für die Rolle der Spenderin, aber auch noch nicht dringend genug für die Rolle der Empfängerin – wird auf der Messe der Eindruck vermittelt: Hier gibt es für jede Lebenslage ein Angebot. Die Messe präsentiert den Kinderwunsch als All-inclusive-Dienstleistung für Frauen und Männer, Singles und Paare, egal ob hetero- oder homosexuell. Das dahinterstehende Prinzip ist effizient: Entweder ist man jung und kann Eizellen oder Samen spenden – oder man ist alt genug, um auf genau diese Spenden angewiesen zu sein. Die Messe bedient alle Nischen: Ältere, ergraute Paare suchen hier ebenso nach Wegen wie schwule Paare, für die eine Leihmutterschaft die einzige Option auf ein genetisch eigenes Kind ist. Selbst die Anwesenheit junger Paare wird durch die zunehmende Unfruchtbarkeit der jungen Generation erklärt. Für jede demografische Notwendigkeit scheint der Markt eine Lösung bereitzuhalten – und in jedem Fall wird der Mensch in die Rolle einer Ressource oder eines zahlungskräftigen Abnehmers gepresst. Geschlecht, Alter, sozialer Status – all das scheint auf der Messe zweitrangig. Entscheidend ist, ob man in das System passt: als Spenderin, als Empfängerin, als Dienstleisterin, als zahlende „Wunscheltern“. Und diese Logik wird verpackt in eine auf Hochglanz polierte Normalität. Reproduktionsmedizin wird als Dienstleistung – effizient, international, marktorientiert – inszeniert. Wer dieses System hinterfragt, wirkt schnell fehl am Platz.

 

Die menschliche Dimension: Wenn Smalltalk entgleist

Die Messe, die sich so kühl und effizient als Markt inszenierte, hatte ihren menschlichen Notfall. Es begann mit der simpelsten Frage: „Wo finde ich die Toiletten?“ Eine Frau, 48, allein aus Hamburg angereist, sichtlich übermüdet, überfordert und verzweifelt, suchte den Weg. Ich musste ihr antworten, dass ich selbst erst kurz da sei und es nicht wüsste, und blieb dann unwillkürlich in ihrem Leben hängen. Sie hatte akuten Redebedarf. Innerhalb kürzester Zeit wusste ich: Ihre eigenen Eizellen taugten nicht mehr, sie sei auf fremde Spenden angewiesen. Ihr Mann – Muslim – lehne dies alles aus religiösen Gründen ab, aber sie bearbeite ihn bereits, und so langsam „taue“ er auf. Denn schließlich seien es ja seine Samen und damit auch sein Kind. Sie fragte mich dann eindringlich nach meinem eigenen „Leid“, nach meiner Geschichte des unerfüllten Kinderwunsches. Sie sah in mir nicht die neutrale Beobachterin, sondern projizierte die Rolle der alleinstehenden Frau, die nun Angst hat, nicht mehr rechtzeitig den passenden Partner zu finden. Diese Kategorisierung war befremdlich. Die gesammelten Eindrücke und IVF-Gespräche auf der Messe hatten mich durchaus nachdenklich gemacht, und man fragte sich am Ende, ob die eigene Beklommenheit Manipulation oder reale Sorge war.

 

Das erste Gespräch brach ab, weil sie zur Toilette musste. Wir trafen uns aber noch zwei weitere Male auf der Messe – jedes Mal war es eine unmittelbare Fortsetzung der letzten emotionalen Episode. Beim zweiten Mal vertiefte die Frau ihren Monolog und nannte auch ihren kulturellen Hintergrund: Sie sei eine Romni, was ihre Kinderlosigkeit und den immensen sozialen Druck zu einer besonders schmerzhaften Last machte. Sie berichtete, dass sie von ein paar IVF-Anbietern inzwischen abgewiesen wurde, weil sie mit 48 auch für Fremd-Eizellen als zu alt galt. Ihre letzte Hoffnung sei eine spezialisierte spanische Klinik, die auch ältere Frauen behandle. Diese Klinik hatte zwar einen Stand, war aber so gefragt, dass sie nur mit Termin Zugang erhielt. Der Markt findet zwar stets einen Weg, wenn die Verzweiflung nur groß genug ist, doch selbst der verzweifelte Kunde muss sich effizient einreihen. Für den schlimmsten Fall stehe die Leihmutterschaft im Raum, wobei sie betonte, das Kind nach Möglichkeit selbst austragen zu wollen. Das dritte und letzte Zusammentreffen fand statt, als ich die Messe bereits verlassen wollte, am Stand der spanischen Klinik vorbeilief und die Frau mich erneut neugierig ansprach. Beim Abschied wünschte sie mir „viel Glück“ – es klang ehrlich und kam von Herzen. Ich erwiderte den Wunsch, fühlte mich aber zutiefst unehrlich dabei. Eigentlich hatte ich gehofft, dass ihr Wunsch nicht in Erfüllung gehen würde, weil sie ihn auf dem Rücken einer anderen Frau austragen ließe — sei es als Eizellspenderin oder als Leihmutter, dies schien mir unerheblich.

Die Begegnung war das erschütternde Zeugnis der menschlichen Verzweiflung, die hinter dem Hochglanz dieses Reproduktionsmarktes lauert, ungeschönt und unvergesslich offengelegt. Meine Empfindungen blieben zutiefst gespalten: Auf der einen Seite tiefes Mitleid für ihre existentielle Not, auf der anderen die klare ethische Ablehnung ihrer gewählten Mittel. Ihr flehender Wunsch nach einem Kind war nachvollziehbar, doch der Preis, der auf dem Rücken einer dritten Frau ausgetragen werden sollte, schien mir unerträglich hoch.

 

Die Messe „Wish for a Baby“ wirkt wie ein Katalysator für eine Spirale der Verzweiflung. Man wird so schnell in die Rolle der „Behandlungsbedürftigen“ gedrängt, dass die Grenze zwischen kritischer Distanz und eigener Betroffenheit verwischt. Auch ich wurde von den Kliniken auf mein eigenes Zeitfenster reduziert: Man gab mir noch zwölf Jahre. Inzwischen bin ich so tief in die Thematik eingetaucht – auch durch die massiven Werbungsversuche für IVF –, dass ich mich frage: Werde ich in zwölf Jahren auch so verzweifelt wie die Frau aus Hamburg auf einer Messe herumlaufen, die Toiletten suchen und mein halbes Leben mit einer Fremden teilen? Und plötzlich ertappt man sich bei dem Gedanken: Vielleicht ist das Eizellen-Einfrieren doch keine so schlechte Idee. Diese Angst ist das eigentliche, unheimliche Produkt dieser Hochglanzmesse: Sie verkauft nicht nur Kinderwunsch-Dienstleistungen, sie verkauft auch die Sorge und die Drucksituation, die ihre zukünftigen Kundinnen verzweifelt genug machen, um jedes ethische und geografische Limit zu überschreiten.

Weitere Beiträge zum Thema