Seit mehr als 40 Jahren gibt es in Deutschland kritische feministische Stimmen gegen die Leihmutterschaft. Feministische Gruppen, Menschenrechtsorganisationen und Autorinnen sehen in der Leihmutterschaft eine Form der Ausbeutung von Frauen und der Kommerzialisierung von Kindern, die letztlich als Menschenhandel einzustufen ist. Die Debatte intensivierte sich durch internationale Entwicklungen, Legalisierungsversuche und Messen wie „Wish for a Baby“ sowie „Men Having Babies“. Trotz des Verbots in Deutschland (Embryonenschutzgesetz 1991) werben solche Veranstaltungen oft für ausländische Angebote, was die Ausbeutung vulnerabler Frauen in ärmeren Ländern fördert und Kinder zu Waren macht.
Von Ina Wagner
Die Wurzeln der radikalen feministischen Kritik: Pionierinnen der 1980er Jahre
Schon in den 1980er Jahren erkannten radikale Feministinnen in Deutschland die Gefahren der aufkommenden Gen- und Reproduktionstechnologien. Statt der allgemeinen Euphorie über den vermeintlichen Fortschritt warnten sie vor der patriarchalen und kapitalistischen Aneignung des weiblichen Körpers – Leihmutterschaft als eine der extremsten Formen dieser Ausbeutung.
Ein Meilenstein dieses frühen Engagements war der erste bundesweite Kongress „Frauen gegen Gentechnik und Reproduktionstechnik“ vom 19.–21. April 1985 in Bonn, organisiert von autonomen Frauengruppen, dem Kölner Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen e.V. sowie dem Arbeitskreis Frauenpolitik der Grünen im Bundestag – eine Zeit, in der die Grünen noch wussten, was eine Frau ist und wofür Frauenpolitik steht. Er versammelte überraschend rund 2.000 Teilnehmerinnen – ausschließlich Frauen waren zugelassen – (bei Erwartung von nur 400) und markierte einen der ersten großen Widerstandsmomente gegen die aufkommenden Reproduktionstechnologien in Deutschland. Prominent vorgestellt und eigens für den Kongress auf Deutsch übersetzt wurde das Buch Retortenmütter: Frauen in den Labors der Menschenzüchter (herausgegeben von Rita Arditti, Renate Duelli Klein und Shelley Minden, Original 1984), das als zentraler Bezugspunkt der internationalen Kritik diente.
Aus diesem Kongress heraus entstand im deutschsprachigen Raum ein zentraler internationaler Rahmen für die Kritik: das Feminist International Network of Resistance to Reproductive and Genetic Engineering (FINRRAGE), das 1984/1985 gegründet wurde. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten die deutsche Soziologin und Umweltfeministin Maria Mies (1931–2023) sowie die schweizerisch-deutschsprachige Aktivistin Renate Klein, neben Farida Akhter (Bangladesch), Janice Raymond, Gena Corea und Robyn Rowland (USA/Australien). Renate Klein ist bis heute sehr aktiv und bleibt eine der schärfsten Kritikerinnen der Leihmutterschaft: Sie veröffentlicht laufend Beiträge, Blog-Artikel und Analysen (z. B. 2025 bei Spinifex Press zu den globalen Auswirkungen der Surrogacy-Industrie) und engagiert sich weiterhin in internationalen Netzwerken gegen kommerzielle Reproduktionstechnologien. Dabei plädiert sie konsequent für den Begriff Mietmutterschaft statt Leihmutterschaft. Dieser Begriff trifft die kommerzielle Realität viel klarer. Es handelt sich nicht um ein ‚freundliches Ausleihen‘ des Körpers, sondern um einen Kauf – eine Vermietung, die Frauen entmenschlicht und zu einem Produktionsmittel degradiert.
Im deutschsprachigen Raum war FINRRAGE besonders stark vertreten: Paula Bradish, Erika Feyerabend und Ute Winkler gehörten zur Kern-Gruppe der deutschen FINRRAGE-Frauen.
FINRRAGE organisierte gemeinsam mit Gen-Archiv (Essen), FrauenZentrum (Bochum), FrauenGesundheitsZentrum (Frankfurt) und der Zeitschrift für feministische Theorie und Praxis (Köln) den zweiten bundesweiten Kongress „Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnologien“ vom 28.–30. Oktober 1988 in Frankfurt. Dieser Kongress lehnte – wie Renate Klein in ihrer Rezension für IRAGE betonte – jegliche ‚wishy-washy statements‘ über ‚choice‘ ab und forderte klare Verbote. Erweitert wurde die Debatte durch Beiträge von Behindertenaktivistinnen wie Theresia Degener und Anne Waldschmidt, die in FINRRAGE Deutschland aktiv waren und die eugenischen Implikationen von Pränataldiagnostik und Selektion kritisierten – oft in englischer Übersetzung, um international gehört zu werden.
Eine der zentralen Figuren in diesem Netzwerk war Paula Bradish. Sie machte das internationale Standardwerk MutterMaschine. Reproduktionstechnologien – von der künstlichen Befruchtung zur künstlichen Gebärmutter (Original: Gena Corea, 1985) (hier und hier) im deutschsprachigen Raum bekannt: Sie übernahm die deutsche Bearbeitung und verfasste das Nachwort (Rotbuch Verlag 1986, später Fischer Taschenbuch). Das Buch analysiert die Leihmutterschaft als moderne Form der Versklavung und Kommerzialisierung von Frauen und Kindern. Es wurde zum Grundlagentext der Kritik.
Zusammen mit Erika Feyerabend und Ute Winkler – ihren Ko-Herausgeberinnen des einflussreichen Sammelbands Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnologien. Beiträge vom 2. bundesweiten Kongreß, Frankfurt 28.–30.10.1988 (Frauenoffensive Verlag 1989) – organisierte Bradish wegweisende bundesweite Kongresse (u. a. Bonn 1985, Frankfurt 1988). Diese Veranstaltungen und Publikationen prangerten früh die Verdinglichung von Frauen und Kindern an, forderten Verbote und warnten vor der Ausbeutung vulnerabler Frauen.
Weiterführende Quellen:
- https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/meta-objekt/frauen-gegen-gen–und-reproduktionstechnologien–beitraege-vom-2.-bundesweiten-kongress-frankfurt-28.-30.10.1988/63206genderbib
- https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/die-grenzen-der-selbstbestimmung
- https://www.econbiz.de/Record/frauen-gegen-gen-und-reproduktionstechnologien-beitr%C3%A4ge-vom-2-bundesweiten-kongre%C3%9F-frankfurt-28-30-10-1988-bradish-paula/10004067885
Eine ebenso einflussreiche Stimme in dieser Bewegung war und ist Claudia von Werlhof. Sie analysierte Reproduktionstechnologien – darunter die Leihmutterschaft – als Fortsetzung patriarchaler Aneignung und „Hausfrauisierung“ des weiblichen Körpers im Kapitalismus. Ihre Analysen wirken bis heute in umweltfeministischen und antikapitalistischen Debatten nach – und sie selbst ist nach wie vor sehr aktiv: Bis in die jüngste Zeit hält sie Vorträge, veröffentlicht Texte und nimmt an Veranstaltungen teil, in denen sie die Kritik an moderner Technologie, Kapitalismus und Patriarchat weiterführt.
Diese frühen feministischen Netzwerke legten den Grundstein für die heutige Bewegung: Die Argumente gegen Leihmutterschaft als systemische Gewalt, globale Ausbeutung und Entmenschlichung werden seit über 40 Jahren konsequent vertreten.
Es ist beeindruckend und beängstigend zugleich, wie genau die Vorhersagen von vor über 40 Jahren eingetreten sind. Doch anders als bei Kassandra sollen diese Stimmen nicht ungehört bleiben. Der wachsende Widerstand und die immer klarer zutage tretenden Entwicklungen geben uns Grund zur Hoffnung: Wir können dem ein Ende setzen.
Frühe Kritik in den 2010er Jahren
Das feministische Magazin EMMA unter Alice Schwarzer kritisiert die Leihmutterschaft seit Mitte der 2010er Jahre als „Ware Kind“ und Form des Menschenhandels.
Bereits 2014 erschien der Artikel Leihmütter: Dein Bauch gehört mir!, der die Ausbeutung armer Frauen und die Kommerzialisierung von Kindern anprangert.
EMMA führt seither ein umfangreiches Dossier zum Thema Leihmutterschaft.
Die radikal-feministischen Störenfriedas lehnen die Leihmutterschaft seit Jahren kompromisslos ab. Sie sehen darin eine extreme Form kapitalistischer und patriarchaler Ausbeutung von Frauen – eng verwandt mit Prostitution und Pornografie –, die vor allem arme Frauen aus dem Globalen Süden trifft.
In ihrer Rezension zu Kajsa Ekis Ekmans Ware Frau (2017) nennen sie Leihmutterschaft und Prostitution zwei Seiten derselben Medaille: Beide zwingen Frauen zur Abspaltung des Selbst vom Körper, verschleiern Gewalt und globale Ungleichheit und müssen verboten werden.
Schon 2016 bezeichneten sie die Praxis als „kolonialisierte Frauenkörper“ – maximale Kolonialisierung für Profit. 2022 folgte der Gastbeitrag Kollateralschaden, der die Ausbeutung in der Ukraine entlarvt: industrielles Franchise-Modell, kalkulierte Schäden für Frauen und „Leihmutterschaftsreisen“ als Marketing.
Die Störenfriedas fordern das Verbot – kommerziell wie altruistisch –, da Leihmutterschaft nichts anderes als systemische Kommerzialisierung des weiblichen Körpers ist.
Eine Auswahl wichtiger Bücher und Publikationen
Mehrere Werke beleuchten das Thema kritisch aus feministischer, ethischer und rechtlicher Sicht:
- 2015: Eva Maria Bachinger – Kind auf Bestellung: Ein Plädoyer für klare Grenzen.
- 2015: Chris Thomale – Mietmutterschaft: Eine international-privatrechtliche Kritik (rechtliche Fundamentalkritik mit Plädoyer für Verbot).
- 2016: Kajsa Ekis Ekman – Ware Frau. Prostitution, Leihmutterschaft, Menschenhandel. Deutsche Übersetzung aus dem Schwedischen.
- 2018/2022: Renate Klein – Mietmutterschaft (deutsche Übersetzung von Surrogacy: A Human Rights Violation 2017).
- 2020: Terre des Femmes Positionspapier gegen Mietmutterschaft.
Auf der Website von Terre des Femmes finden sich zahlreiche weitere Materialien, Stellungnahmen und Aktivitäten zum Thema Leihmutterschaft.
- 2023: Rona Duwe – Petition Stoppt die Kinderwunschmesse „Wish for a Baby“! – Keine Werbung für Menschenhandel!
- 2023: Eva Maria Bachinger – Die neuen Gebärmaschinen?
- 2023/2024: Initiative „Stoppt Leihmutterschaft“ (Österreich) – Sammelband Die neuen Gebärmaschinen?
Weitere feministische Aktivitäten:
- Webinare von WDI Deutschland 2021/2022
- Die Initiative „Schutz vor reproduktiver Ausbeutung“ (seit 2023, Terre des Femmes mit Spenderkinder e.V.).
Linke Medien als kritisches Sprachrohr: Ausbeutung und Fruchtbarkeitsindustrie im Fokus
Gleichzeitig mit diesen zentralen feministischen, ethischen und rechtlichen Publikationen entfaltet sich seit Mitte der 2010er Jahre in linken Medien eine fundierte antikapitalistische Kritik an der Leihmutterschaft – mit klassischem linkem Fokus auf die systematische Ausbeutung von Frauen als Klasse und als ökonomisch prekär Positionierte. Hier wird konsequent ein Kernanliegen der Linken ausgearbeitet.
Die feministische Gruppe Artemis aus Halle
Besonders hervorzuheben ist die feministische Gruppe Artemis aus Halle, die mit zwei grundlegenden Beiträgen eine klare, marxistisch-feministische Position gegen Leihmutterschaft einnimmt:
„Wer sich Feminist nennt, sollte zum Ziel haben Frauen aus ihrer Misere zu befreien, anstatt ihren Körper unter dem Deckmantel der Monetarisierung auszubeuten.“
Aus dem Artikel 2023: Leihmutterschaft – Das Geschäft mit dem weiblichen Körper
„Der Körper mitsamt seiner Gebärfähigkeit wird zur Ware. Zynisch könnte man behaupten, dass so wenigstens ein Teil der reproduktiven Arbeit von Frauen entlohnt wird, im Kapitalismus bedeutet es jedoch Ausbeutung:“
Aus dem Artikel 2025: Ein marxistischer Ansatz zum Thema Leihmutterschaft
Die jungle.world
Die jungle.world thematisiert die Leihmutterschaft seit 2014. Anfangs debattierend (Schlachtfeld Frauenkörper, Klasse Schwangerschaft), entwickelt sich daraus eine klare linke Kritik. 2017 nimmt die Zeitung in der Rezension Nimm das Geld aus dem Spiel zu Kajsa Ekis Ekmans Buch eine konsequente abolitionistische Position ein: Leihmutterschaft und Prostitution sind zwei Seiten derselben patriarchalen und kapitalistischen Ausbeutung – beide zwingen Frauen zur Abspaltung des Selbst vom Körper. Die „emanzipatorische“ Rhetorik wird als Ideologie entlarvt, die Gewalt, Verzweiflung und globale Ungleichheit (arme Frauen aus dem Globalen Süden für Reiche) verschleiert. Ekman und die Rezension fordern ein klares Verbot: Nur wenn das Geld aus dem Spiel ist, kann es echte Freiwilligkeit geben – sonst bleibt es Ausbeutung.
Die junge Welt
Die junge Welt zieht in neueren Texten die Linie weiter und entlarvt die Leihmutterschaft als neoliberales Geschäftsmodell, das Frauen auf die Rolle eines „neunmonatigen Brutkastens“ reduziert, während es die reproduktive Industrie als Emanzipationsversprechen tarnt – und dabei Ausbeutung von Frauen sowie den „Babykauf“ durch ausländische Agenturen normalisiert. Besonders bei den Messen in Berlin und Köln wird das deutlich (z. B. hier und hier).
Perspektive Online
Perspektive Online übt die Kritik mit besonderer Schärfe und brandmarkt die Kölner „Wish for a Baby“- Messe 2024 als getarnte Werbe- und Lobbyveranstaltung für illegale Praktiken. Der Artikel spricht klar von „reproduktiver Ausbeutung“ und „Pinkwashing“: „LGBTQ+-Rechte” werden hier vorgeschoben, um die wahren Klassen- und Geschlechterungleichheiten zu verschleiern. In Wahrheit profitiert vor allem eine wohlhabende, meist heterosexuelle Klientel. Diese lagert ihre Reproduktion auf arme Frauen aus – oft aus dem Globalen Süden oder Migrantinnen.
Diese Stimmen aus der radikalen Linken bedienen sich konsequent ökonomischer und geschlechterklassenanalytischer Argumente und verbinden sie mit ethischen und menschenrechtlichen Einwänden. Diese klare, antikapitalistische und geschlechterklassenanalytische Position zur Leihmutterschaft verdient es, in der Linken endlich breiter geteilt und verankert zu werden.
Kritik aus konservativen und rechten Kreisen
Neben der feministischen Kritik gibt es auch starke Ablehnung aus konservativen, christlichen und rechten Milieus, die die Leihmutterschaft als Verletzung des Lebensrechts, der natürlichen Familie und der Würde von Frauen und Kindern sehen. Diese Gruppen verbinden oft die Ablehnung mit Anti-Abtreibungs-Positionen und patriarchalen Vorstellungen von Familie und sehen in der Kommerzialisierung der Fortpflanzung eine Form der Entmenschlichung.
Einige Publikationen aus dem Herder Verlag
Aus dem Herder Verlag, einem konservativ-katholischen Verlag, der die Leihmutterschaft aus religiös-patriarchalen Gründen ablehnt:
- 2017: Das Verbot der Leihmutterschaft ist richtig: Keine Kapitulation vor den Verhältnissen
- 2025: Eine Kritik leihmutterschaftlicher Praxis: Das Kind als Vertragsgegenstand
Einige Initiativen und Gruppen
- Die Initiative Demo für Alle kritisiert die Leihmutterschaft seit den 2010er Jahren als „Kommerzialisierung des Kindes“ und Teil einer „Anti-Familien-Agenda“. Sie sehen darin eine Bedrohung für die traditionelle Ehe und Familie und protestieren auch beim „Marsch für das Leben“ gegen diese Praxis, zuletzt 2024.
- Lebensschützer-Gruppen wie der Bundesverband Lebensrecht (BVL) und Alfa e.V. lehnen die Leihmutterschaft ab, mit der Argumentation, dass darin das Kind als „Produkt“ betrachtet wird und sie das Thema eng mit Abtreibung verknüpfen.
- Der „Marsch für das Leben“ in Berlin und Köln (z. B. 2023) integriert die Kritik an der Leihmutterschaft in seine Anti-Abtreibungs-Demonstrationen, wo Frauen als „Gebärmaschinen“ dargestellt werden.
- Birgit Kelle, eine konservative Autorin, verbindet in ihrem 2024 erschienenen Buch Ich kauf mir ein Kind: Das unwürdige Geschäft mit der Leihmutterschaft feministische und christliche Argumente gegen das „unwürdige Geschäft“ mit der Leihmutterschaft.
Internationale Einordnung: EU und UN
Die Kritik in Deutschland wird durch internationale Institutionen gestärkt. 2025 (basierend auf Entwicklungen ab 2024) hat die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Reem Alsalem, Leihmutterschaft als System von Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch gegen Frauen und Kinder eingestuft. In ihrem Report A/80/158 fordert sie die globale Abschaffung der Praxis, da sie patriarchale Normen verstärkt und Frauen und Kinder kommodifiziert.
Die EU hat ebenfalls Kritik geäußert: Im September 2025 veröffentlichte das Europäische Parlament einen Draft Opinion, der Surrogacy als Risiko für sexuelle Gewalt und Ausbeutung betrachtet. Im November 2025 diskutierte das Parlament die Schäden von Surrogacy nach EU-Verurteilung der Praxis.
Unsere Initiative „Lasst Frauen Sprechen!“ reichte 2025 eine Stellungnahme an Reem Alsalem ein, die Leihmutterschaft als Gewalt einstuft und ein globales Verbot fordert.
Kritische Stimmen aus Österreich
- Die österreichische Initiative „Stoppt Leihmutterschaft“ wurde 2016 als Verein gegründet und fordert seitdem ein weltweites Verbot. Der Verein wird von ExpertInnen aus Feminismus, Bioethik und Menschenrechten getragen und arbeitet unabhängig von parteipolitischen oder religiösen Bindungen.
- Das Institut für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) in Wien, das der Österreichischen Bischofskonferenz angegliedert ist, kritisiert die Leihmutterschaft als „zutiefst unethischen Produktionsprozess auf Kosten von Frauen und Kindern“.
- aktion leben österreich, ein großer katholisch geprägter Lebensschutzverein, engagiert sich mit einer eigenen Kampagnenseite gegen Leihmutterschaft.
Kritische Stimmen aus Schweiz
- Die International Coalition for the Abolition of Surrogate Motherhood (CIAMS), an der Schweizer AktivistInnen beteiligt sind, fordert ein globales Verbot und kritisiert Regulierungsversuche (z. B. Haager Konferenz).
- Die feministische Plattform Frauensicht.ch fordert ein Verbot der Leihmutterschaft statt Legalisierung und kritisiert sie als Ausbeutung und Kommerzialisierung von Frauen.
- Der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) lehnt Leihmutterschaft ab, da sie Frauen auf ihre reproduktive Funktion reduziert und ihre körperliche und psychische Integrität verletzt.
- Biorespect (Basel) kritisiert Leihmutterschaft als unethisch und fordert ein Verbot auch im Ausland.
- Infosperber.ch veröffentlicht mehrere Beiträge gegen Leihmutterschaft und fordert ein Verbot (z. B. „Deshalb muss Leihmutterschaft verboten bleiben“, 2020).
- Die katholisch-christliche Zeitschrift Neue Wege kritisiert Leihmutterschaft als „Kind um jeden Preis“.
Juristische Aspekte in Deutschland
Trotz des klaren Verbots der Leihmutterschaft in Deutschland (Embryonenschutzgesetz) wird die Umgehung über ausländische Arrangements in der Praxis oft toleriert. Basierend auf der BGH-Rechtsprechung aus 2014 können ausländische Urteile zur Elternschaft anerkannt werden, wenn mindestens ein Bestellelternteil genetisch verwandt ist – unter Berufung auf das Kindeswohl. Das führt dazu, dass Kinder aus ausländischer Leihmutterschaft über die Vaterschaftsanerkennung eines deutschen Vaters einreisen und hier leben dürfen. Das Auswärtige Amt gibt detaillierte Hinweise zu diesem Verfahren, warnt allerdings vor rechtlichen Risiken.
Eine wichtige Gegenposition vertrat 2023 der Bundesfinanzhof: In einem Urteil lehnte er die steuerliche Absetzbarkeit von Kosten für die Leihmutterschaft ab, da die Praxis die Leihmutter und das Kind zu „Hilfs- und Heilmitteln“ versachliche und damit die Menschenwürde verletze. Dies unterstreicht, dass die Leihmutterschaft mit grundlegenden Prinzipien der deutschen Rechtsordnung unvereinbar ist.
Im Koalitionsvertrag 2021 kündigte die Ampel-Regierung die Prüfung einer Zulassung altruistischer Leihmutterschaft an. Die „Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin“ (Kom-rSF) legte am 15. April 2024 ihren Abschlussbericht vor. Die Mehrheit der ExpertInnen sprach sich gegen eine generelle Legalisierung aus – wegen Ausbeutungsrisiken, Verletzung der Würde von Frau und Kind sowie verfassungsrechtlicher Bedenken. Altruistische Formen sollten verboten bleiben oder nur in extrem engen Konstellationen (z. B. enge Verwandtschaft) erlaubt sein. Kommerzielle Leihmutterschaft wird weiter strikt abgelehnt. Kurzbericht.
Proteste seit 2023
Seit 2023 richten sich jährliche Demonstrationen gegen sog. Kinderwunschmessen:
- 2. März 2023: Erste Demo gegen „Wish for a Baby“ in Berlin, organisiert von Radfem Kollektiv Berlin und Frauen der AG Frauenhandel und Prostitution von Terre des Femmes. Presse.
- 18. Oktober 2023: Demo gegen „Wish for a Baby“ in Köln, organisiert von unserer Initiative “Lasst Frauen Sprechen!”
- 2. März 2024: Zwei Proteste gegen „Wish for a Baby“ in Berlin, mit Protestaktion von FEMEN Deutschland und Demo von Radfem Kollektiv Berlin. 1, 2, 3, 4, 5
- 27. April 2024: Demo gegen „Men Having Babies“ in Berlin, organisiert von Radfem Kollektiv Berlin, FEMEN Deutschland und der Terre des Femmes Städtegruppe Berlin unter dem Titel “Men Having BUYING Babies – WOMEN FIGHT BACK!”
- 19. Oktober 2024: Demo gegen „Wish for a Baby“ in Köln, organisiert von Frauenheldinnen e. V. und Just Gay Germany.
- 2.-3. März 2024: ein Bericht von Besucherinnen der “Wish for a Baby” Messe in Berlin.
- 4. Mai 2025: Demo gegen „Men Having Babies“ in Berlin, organisiert von “Netzwerk Frauenrechte e. V.” NefRa.
- Oktober 2025: Demo gegen „Wish for a Baby“ in Köln, organisiert von unserer Initiative “Lasst Frauen Sprechen!”. Frauenheldinnen e. V. organisieren juristischen Widerstand. Hier ein Artikel von Emma Magazin.
Die Bewegung wächst und verbindet frauenrechtliche, ethische und menschenrechtliche Argumente. Trotz des Verbots in Deutschland bleibt die Umgehung durch Auslandsangebote ein Problem.
Weitere relevante Infos:
- https://evamariabachinger.com
- https://www.spenderkinder.de/leihmutterschaft
- YouTube-Kanal Reagenzglasbaby.
Ausblick 2026
- Claudia von Werlhofs Lebenswerk Väter des Nichts (zwei Bände) ist in Vorbereitung und erscheint am 25. Februar 2026. Vorbestellung zum Beispiel hier oder hier.
- 6. März 2026: Kongress „Kinder und Kommerz: Das Geschäft mit Leihmutterschaft und Kinderwunsch” von Alfa e.V. (Lebensschützer) in Berlin.
Unter den internationalen Gästen:
Reem Alsalem, UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Mädchen: Sie stuft Leihmutterschaft in ihrem Bericht A/80/158 als System von Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch gegen Frauen und Kinder ein, fordert ein weltweites Verbot und die Kriminalisierung von Auftraggebern, Agenturen und Kliniken.
Olivia Maurel, Sprecherin der Deklaration von Casablanca: Als Betroffene (geboren durch Leihmutterschaft) und Aktivistin kritisiert sie die Praxis als Verletzung der Rechte von Kindern und Frauen, betont die langfristigen psychischen und identitätsbezogenen Schäden für „surrogate-born“ Personen und plädiert für ein globales Verbot.
- 7.–8. März 2026: „Wish for a Baby“-Messe in Berlin (Estrel Convention Center). Netzwerk Frauenrechte e.V. (NefRa) organisiert einen Protest am 8. März (Internationaler Frauentag) – seid dabei und zeigt Widerstand gegen reproduktive Ausbeutung von Frauen und Mädchen!
- 8.–10. Mai 2026: „Men Having Babies“-Konferenz in Berlin. Die Orga wird von NeFra und Co. übernommen.
Dazu eine kleine Anmerkung: Beide Messen „Wish for a Baby” und „Men Having Babies” finden genau an Tagen statt, an denen Frauenrechte und Frauen im Mittelpunkt stehen und gefeiert werden: am Internationalen Frauentag (8. März) und rund um den Muttertag (Mai). Was für ein makabrer Zufall, dass ausgerechnet dann eine Industrie beworben wird, die zum großen Teil auf geschlechtsbasierter Ausbeutung von Frauen basiert.
Gegenvorstellungen ablehnen
Gewisse Positionen, die etwa bei EABerlin 2024 vertreten wurden, stellen Leihmutterschaft als Ausdruck fortschrittlicher Selbstbestimmung dar. Dabei blenden sie die mit ihr verbundene Ausbeutung aus und reduzieren Frauen auf reine Gebärfunktionen. Während in solchen Beiträgen das Wort „Frau“ manchmal auffällig vermieden wird, ist sehr genau bekannt, dass es um „Personen mit Uterus“ geht, deren Schwangerschaft vermietet werden soll. „Feministische Ethik“ lässt sich nicht durch Vertragsfreiheit verwirklichen, weil die Kommerzialisierung des weiblichen Körpers und der weiblichen Reproduktion jeder ernsthaften feministischen Haltung widerspricht.
Ethik statt Kommerz
Leihmutterschaft funktioniert nach denselben Regeln wie jeder andere Konsum: Auf jede Nachfrage folgt ein Angebot – auch wenn diese Nachfrage den weiblichen Körper und das Kind selbst betrifft. Der Kinderwunsch wird zur Ware, die Frau zum Produktionsmittel, das Kind zum Vertragsgegenstand. Diese Logik des „alles ist machbar“ führt zwangsläufig zur Entmenschlichung von Frauen und Kindern.
Genau hier muss die Grenze gezogen werden. Nicht jeder Wunsch rechtfertigt jedes Mittel. Nicht jede Technologie ist Fortschritt, nur weil sie möglich ist. Ethische Grenzen sind Schutz vor Ausbeutung und Entwürdigung. Sie schützen Frauen vor der Vermarktung ihres Körpers und Kinder davor, als käufliche Objekte behandelt zu werden.
Wir brauchen keine weitere Kommerzialisierung des Lebens, sondern eine Gesellschaft, die erkennt: Die Würde von Frauen und Kindern darf nicht zur Ware werden. Deshalb fordern wir ein klares, weltweites Verbot der Leihmutterschaft.




