Anschrei­ben an den Bun­des­prä­si­den­ten zum Selbst­bestim­mungs­gesetz von LAZ rel­oa­ded e.V.

3. Mai 2024

Ein Gast­bei­trag von Gun­da Schu­mann, Vor­stän­din von LAZ rel­oa­ded e.V.

Schreibt Frank-Wal­ter Stein­mei­er!
Der Bun­des­prä­si­dent ist nun in der Ver­ant­wor­tung für die recht­li­che Prü­fung und den Stopp des SBGG!

Über 100 enga­gier­te Frau­en und unter­stüt­zen­de Män­ner nah­men am 12. April 2024 mit Erfolg an einer gemein­sa­men Pro­test­kund­ge­bung teil gegen die Ver­ab­schie­dung des SBGG (des sog. „Selbst­be­stim­mungs­getz“) im Rah­men der 2./3. Lesung durch den Bundestag.

Eini­ge kamen von weit­her, aus den unter­schied­lichs­ten Grup­pen. Die Orga­ni­sa­to­rin­nen waren Frau­en­hel­din­nen e.V., Frau­en spre­chen (LSquad Ber­lin), Initia­ti­ve „Lasst Frau­en Spre­chen!“ und das Les­bi­sche Akti­ons­zen­trum (LAZ) rel­oa­ded e.V. Teil­neh­me­rin­nen kamen von der Femi­nis­ti­schen Par­tei DIE FRAU­EN, den Initia­ti­ven „Les­ben gegen rechts“, Rad­Fem Kol­lek­tiv Ber­lin, Femi­nis­ti­sches Akti­ons­bünd­nis FAB, SAFIA e.V., WDI Deutsch­land u.a.m.

Das SBGG, wel­ches sich expli­zit mit dem nahe­zu hür­de­lo­sen Geschlechts­ein­trags­wech­sel befasst, wur­de erwar­tungs­ge­mäß von der Mehr­heit im Bun­des­tag ver­ab­schie­det. Damit haben die­se Par­la­men­ta­rie­rIn­nen zum Aus­druck gebracht, dass ihnen die Ach­tung von grund­ge­setz­lich garan­tier­ten Frau­en­rech­ten egal ist!

Unser aller Wil­le: Wir machen gemein­sam weiter!

Wie wäh­rend des Pro­tes­tes von Teil­neh­me­rin­nen gefor­dert, folgt hier ein Schrei­ben an den Bun­des­prä­si­den­ten, Herr Dr. Frank-Wal­ter Stein­mei­er, in dem die offen­sicht­li­che Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des SBGG gerügt wird, ver­bun­den mit der Bit­te an ihn, das Gesetz des­halb nicht zu unter­zeich­nen. Die­ses wird vor­aus­sicht­lich am 17. Mai vom Bun­des­rat akzep­tiert und Dr. Stein­mei­er danach zur Unter­zeich­nung vorgelegt.

Der Clou dabei ist: Der Bun­des­prä­si­dent hat als obers­ter Reprä­sen­tant des Staa­tes eine eige­ne inhalt­li­che Prüf­kom­pe­tenz in Bezug auf die Ver­ein­bar­keit des zu unter­zeich­nen­den Geset­zes u.a. mit den Grund­rech­ten in unse­rer Ver­fas­sung. Eine sol­che Ableh­nung der Aus­fer­ti­gung eines ver­ab­schie­de­ten Geset­zes kommt zwar sel­ten vor, wur­de aber bereits von meh­re­ren Bun­des­prä­si­den­ten ange­wen­det! Er hat es also noch in der Hand, dass das frau­en­ver­ach­ten­de Gesetz gestoppt wird.

 

Bit­te unter­zeich­net den anhän­gen­den Brief an den Bun­des­prä­si­den­ten und sen­det ihn recht­zei­tig ab!

Titel­bild: Bodow, CC BY-SA 4.0, via Wiki­me­dia Commons

Anschrift des Bundespräsidenten

An den Bun­des­prä­si­den­ten
Herrn Dr. Frank-Wal­ter Stein­mei­er
Schloss Bel­le­vue Spree­weg 1
10557 Ber­lin
bundespraesidialamt@bpra.bund.de

Der Brief an den Bundespräsidenten

DAS „SELBST­BESTIM­MUNGS­GESETZ“ (SBGG) IST VER­FAS­SUNGS­WID­RIG
BIT­TE UNTER­ZEICH­NEN SIE DAS GESETZ NICHT

Sehr geehr­ter Herr Bundespräsident,

am 12. April 2024 hat der Bun­des­tag trotz mas­si­ver Kri­tik von Frau­en- und Eltern­in­itia­ti­ven sowie vie­len Abge­ord­ne­ten der Oppo­si­ti­ons­par­tei­en das sog. Selbst­bestim­mungs­gesetz (SBGG) ver­ab­schie­det. Ich bit­te Sie in Ihrer Eigen­schaft als Bun­des­prä­si­dent mit der Ihrem Amt inne­woh­nen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Prüf­kom­pe­tenz das Gesetz nicht zu unterzeichnen.

Nach dem SBGG wird Geschlecht trotz der recht­lich unge­si­cher­ten und natur­wis­sen­schaft­lich unhalt­ba­ren Aus­gangs­po­si­ti­on mit „Geschlechts­iden­ti­tät“ gleich­ge­setzt, indem die gesetz­li­chen Hür­den für den jähr­lich mög­li­chen Wech­sel des Geschlechts­ein­trags für jede­frau und jeder­mann mit einer behaup­te­ten „abwei­chen­den Geschlechts­iden­ti­tät“ besei­tigt werden.

Dies impli­ziert:

  • Die Ver­wen­dung der kaum abgrenz­ba­ren unbe­stimm­ten Rechts­be­grif­fe „Geschlechts-iden­ti­tät“ und „nicht­bi­när“ für eine belie­bi­ge Ände­rung des Geschlechts­ein­tra­ges im Per­so­nen­stands­re­gis­ter ver­stößt gegen die rechts­staat­li­chen Grund­sät­ze der Nor­men­be­stimmt­heit und Nor­men­klar­heit und hat damit Missbrauchspotential.

Die abseh­ba­ren Fol­gen für Frau­en sowie Ein­grif­fe in die Rech­te von Eltern und die dra­ko­ni­schen Buß­geld­an­dro­hun­gen für alle bei Ver­let­zung des Offen­ba­rungs­ver­bots sind gra­vie­rend:

  • Der Geschlechts­ein­trag im Per­so­nen­stands­re­gis­ter ver­liert sei­ne Beweis­funk­ti­on. Damit wird die Durch­set­zung geschlechts­ba­sier­ter Rech­te von Frau­en und Mäd­chen nach Art. 3 Abs. (2) Grund­ge­setz erschwert, wenn nicht unmög­lich gemacht:
  • Die vor­ge­se­he­nen Rege­lun­gen für geschlechts­spe­zi­fi­sche Räu­me und gesell­schaft­li­che Teil­ha­be von Frau­en und Mäd­chen (Haus­recht, Län­der­kom­pe­tenz, Straf­recht, pri­va­te Sat­zungs­ho­heit) sind für deren Schutz und gesell­schaft­li­che Teil­ha­be unge­eig­net.
  • Rech­te für Frau­en bei der Beset­zung von quo­tier­ten Stel­len im Berufs­le­ben, B. die Posi­tio­nen der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten, ihrer Stell­ver­tre­te­rin­nen und Ver­trau­ens­frau­en, sind fort­an mit bio­lo­gi­schen Män­nern zu tei­len, wel­che einen weib­li­chen Geschlechts­ein­trag im Per­so­nen­stands­re­gis­ter haben.
  • Das Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­bot und der beson­de­re Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz nach 3 Abs. (2) und (3) GG wer­den aus­ge­höhlt, indem es auf Män­ner mit „weib­li­cher Geschlechts­iden­ti­tät“ aus­ge­wei­tet wird.
  • Sta­tis­ti­ken über die Ver­tei­lung der bio­lo­gi­schen Geschlech­ter wer­den unbrauch­bar, zumin­dest erheb­lich ver­zerrt. Außer­dem wer­den auf der Sta­tis­tik beru­hen­de Pro­gno­sen, Gut­ach­ten und Maß­nah­men gegen Dis­kri­mi­nie­rung erschwert oder unmög­lich gemacht.
  • Eltern­rech­te nach Art. 6 Abs. (2) Satz 1 GG und das Kin­des­wohl wer­den ver­letzt:
  • Die Erset­zung der Zustim­mung der sor­ge­be­rech­tig­ten Eltern zum Antrag auf Ände­rung des Geschlechts­ein­trags einer/eines Min­der­jäh­ri­gen ab 14 Jah­ren durch das Fami­li­en­ge­richt ohne zwin­gen­de Ein­ho­lung zwei­er jugend­psych­ia­tri­scher Gut­ach­ten schränkt das Eltern­recht nach Art. 6 Abs. (2) Satz 1 GG unver­hält­nis­mä­ßig ein und ver­stößt gegen das Kindeswohl. 
    • Die vom Geschlechts­ein­trag abhän­gi­ge Bestim­mung der „Vater­rol­le“ in § 1592 Nr. 1 und 2 BGB ver­stößt gegen die rechts­staat­li­chen Prin­zi­pi­en der Nor­men­wahr­heit und Nor­men­klar­heit und gegen das Kindeswohl.
  • Sank­ti­ons­be­wehr­tes Offenbarungsverbot
    • Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit (Art. 5 Abs. (1) Satz 1 und 2 GG) wer­den unver­hält­nis­mä­ßig beschnit­ten.
    • Die Aus­nah­men vom Offen­ba­rungs­ver­bot sind im Ein­zel­nen nicht immer nach­voll­zieh­bar und ver­sto­ßen gegen die rechts­staat­li­chen Prin­zi­pi­en der Nor­men­wahr­heit und Nor­men­klar­heit.
    • Tat­be­stand­li­che Unklar­hei­ten bei offen­kun­di­gem Augen­schein (Haus­recht, Mei­nungs­äu­ße­rung) ver­sto­ßen gegen die rechts­staat­li­chen Prin­zi­pi­en der Nor­men­wahr­heit und Nor­men­klar­heit und, da sie beson­ders zu Las­ten der Frau­en gehen, gegen Art. 3 Abs. (2), Abs. (3) und Art. 5 Abs. (1) GG.
    • Der „Chil­ling-Effekt“ (Abschre­ckungs­ef­fekt) der staat­li­chen Maß­nah­me einer hohen Buß­geld­be­weh­rung führt zu Selbst­zen­sur, Ein­schüch­te­rung und zu kon­for­mis­ti­schem Ver­hal­ten. Die­se ist mit Art. 5 Abs. (1) GG nicht ver­ein­bar, weil sie einen Angriff auf die Demokratie
    • Der Abruf sowie der Aus­tausch der nach dem Geschlechts­ein­trags­wech­sel geän­der­ten Daten zwi­schen Behör­den und die Infor­ma­ti­on nament­lich genann­ter Sicher­heits­be­hör­den waren als Aus­nah­me vom Offen­ba­rungs­ver­bot gedacht. Die­se Rege­lung wur­de durch den Ände­rungs­an­trag des Fami­li­en­aus­schus­ses wie­der gestri­chen. Miss­brauch durch Iden­ti­täts­ver­schleie­rung ist damit ohne wei­te­res möglich.

Zur Ver­mei­dung von Grund­rechts­kol­li­sio­nen von Rech­ten für Per­so­nen mit abwei­chen­der Geschlechts­iden­ti­tät (Art. 2 Abs. (1) i.V.m. Art. 1 Abs. (1)) und denen von Frau­en, Mäd­chen und Eltern (Art. 3 Abs. (2), (3) und Art. 6 Abs. (2) GG) ist der Gesetz­ge­ber ver­pflich­tet, nach dem Grund­satz der prak­ti­schen Kon­kor­danz einen Aus­gleich der wider­strei­ten­den Grund­rech­te zu schaf­fen und die Aus­tra­gung mög­li­cher Kon­flik­te nicht „dem frei­en Spiel der Kräf­te“, d.h., den Rechts­ver­hält­nis­sen der Bür­ge­rIn­nen unter­ein­an­der – und letzt­end­lich der Jus­tiz – zu überlassen.

Um Art. 3 Abs. (2) GG eine maxi­ma­le Wir­kung zu ver­schaf­fen, wäre es erfor­der­lich, die Vali­di­tät des Geschlechts­ein­trags zum Schutz von Frau­en und Mäd­chen durch Bei­be­hal­tung des rechts­ge­stal­ten­den Ver­fah­rens nach § 4 Abs. 3 TSG auf­recht­zu­er­hal­ten und garan­tier­te und ange­mes­se­ne Aus­nah­me­re­ge­lun­gen für Frau­en zur Gewähr­leis­tung von auto­no­men und Schutz­räu­men, zur beruf­li­chen För­de­rung und zur gesell­schaft­li­chen Teil­ha­be zu schaffen.

All das hat der Gesetz­ge­ber unter­las­sen. Gesetz­ge­be­ri­sches Untä­tig­blei­ben ver­stößt zudem gegen das Rechts­staats­prin­zip und das Demokratiegebot.

Aus die­sen Grün­den bit­te ich Sie drin­gend, die­ses ver­fas­sungs­wid­ri­ge Gesetz nicht zu unterzeichnen.

Wei­te­re Grün­de für die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit sind in dem Rechts­gut­ach­ten von Rechts­an­wäl­tin Gun­da Schu­mann, M.C.J., LL.M., erläu­tert, wel­ches wäh­rend der Ver­bän­de­an­hö­rung auch auf der Web­site des BMFS­FJ gelis­tet war. Sie kön­nen das Gut­ach­ten und Erläu­te­run­gen zum Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung vom 23.08.2023 sowie der aktu­el­len Ände­rungs­vor­schlä­ge des Fami­li­en­aus­schus­ses vom 10.04.2024 hier [1], bzw. hier [2] abrufen.

Hoch­ach­tungs­voll,

[Vor­na­me, Name]

[1] https://www.bmfsfj.de/resource/blob/227180/c223f114874cb13b5ab5e96ee4baae82/laz-data.pdf

[2]  https://www.laz-reloaded.de/der-letzte-coup-verschaerfende-und-verschleiernde-aenderungen-des-     sbgg/

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