Streif­zug durch die Frau­en­ge­schich­te – moni­ka Mengel

29. Mai 2024

Rede von Moni­ka Men­gel
auf der Ver­an­stal­tung „75 Jah­re Grund­ge­setz:
Wir ehren Dr. Eli­sa­beth Selbert“

am 25. Mai 2024 in Kassel

Ich möch­te in mei­ner Rede einen Streif­zug durch die Frau­en­ge­schich­te machen.

Wir ste­hen alle auf den Schul­tern unse­rer Schwes­tern und Müt­ter. Manch­mal ziem­lich wacke­lig und unsi­cher, dann wie­der vol­ler Power. Wir haben viel ver­ges­sen, aber instink­tiv erin­nern wir uns. Denn, was Frau­en erlebt und erlit­ten haben, steckt uns gewis­ser­ma­ßen im Blut. Oder in den Genen. Wie Ihr wollt. Auch das macht uns als Frau­en aus. Tina Tur­ner und Etta James haben gesun­gen: „Only women bleed“. Nur Frau­en blu­ten. Und das nicht nur im wört­li­chen Sinn.

„Filia ira­ta“  – das heißt zor­ni­ge Toch­ter. Ja, wir haben allen Grund wütend zu sein. Eines der irrs­ten Geset­ze der Neu­zeit, das soge­nann­te Selbst­bestim­mungs­gesetz, ist ver­ab­schie­det wor­den. Außer­dem wird unse­re Frau­en­ge­schich­te, unse­re Les­ben­ge­schich­te und unse­re Gegen­wart – alles wird bis zur Unkennt­lich­keit ver­ramscht. Es wird geklaut, geleug­net, klein gemacht, umge­deu­tet, aus­ge­beu­tet. Das ist kul­tu­rel­le Aneig­nung. Und vie­le ste­hen dabei – auch Femi­nis­tin­nen – und fin­den das gut. Wir wer­den als rechts, als ras­sis­tisch und als Terf gebrand­markt. Män­ner wol­len mal wie­der defi­nie­ren, was eine Frau ist.

Das heißt, wer uns einen Namen zuweist, will die Deu­tungs­ho­heit, also Macht. Cis, Terf, Hure, Hei­li­ge, Hexe, Femme fata­le, Femme fra­gi­le, Mann­weib, Tri­ba­de, krank, hys­te­risch und der gan­ze Quark. – Ich mach‚s kurz: Ich neh­me kei­nen die­ser Namen an. Ich bin eine Frau und ich bin eine Les­be. Kein wei­te­rer Gesprächsbedarf.

Nach all den fal­schen und fie­sen Bezeich­nun­gen für Frau­en- lie­ben­de-Frau­en in der Geschich­te, wur­de „Les­be“ in den 1970er Jah­ren zum Kampf­be­griff. Les­ben sind auto­nom in jeder Bezie­hung. Wir brau­chen kei­ne Män­ner. Des­halb sind wir auch heu­te wie­der so gefähr­lich. Des­halb wer­den wir ange­fein­det. Genau wie jene hete­ro­se­xu­el­len Mit­strei­te­rin­nen, die sich auch nicht alles gefal­len las­sen. Wenn heu­te jun­ge Mäd­chen sagen: ich bin eine Les­be und damit bas­ta, ist das gefähr­lich. Denn das ers­te Gebot der Que­er-Com­mu­ni­ty ist: Du sollst mit Män­nern koope­rie­ren und zwar mit Män­nern in allen Varia­tio­nen. Wenn sich Trans als Les­be bezeich­net und mit der jun­gen Les­be ins Bett will, hat die jun­ge Les­be ein Pro­blem. Schmeißt sie den Kerl raus, ist sie transphob.

Wir las­sen uns nicht ein­lul­len vom Geschwätz der schö­nen, neu­en Welt der Viel­falt und des Fort­schritts. Denn die­se schö­ne, neue Welt ist nicht viel­fäl­tig und die ist auch nicht fort­schritt­lich. Denn, ob eine revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung über­haupt fort­schritt­lich ist, ob sie wirk­lich Frei­heit und Tole­ranz will, erweist sich erst im Umgang mit ihren Kri­ti­ke­rin­nen. Auch mit Kri­tik aus den eige­nen Rei­hen. Da haben wir Frau­en aktu­ell ganz schlech­te Erfah­run­gen gemacht. Der Frau­en­hass, der uns ent­ge­gen­schlägt, ist mas­siv. Und durch nichts gerecht­fer­tigt. Selbst Trans­se­xu­el­len, die sich kri­tisch mit der Que­er-Lob­by aus­ein­an­der set­zen, geht es nicht bes­ser als uns Frau­en. Wie frei war die Debat­te zum Selbst­bestim­mungs­gesetz? Gab es über­haupt eine Debat­te? Die Medi­en haben sich weg­ge­duckt oder haben sich „über­re­den“ las­sen. Was wir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bis zur Ver­ab­schie­dung im Bun­des­tag erlebt haben war für mich ein Lehr­stück in Mani­pu­la­ti­on, Des­in­for­ma­ti­on, Into­le­ranz und Stumm-Schal­ten. Eine per­fekt insze­nier­te Kam­pa­gne. Und über allem schwebt das bun­te Regen­bo­gen­män­tel­chen. Ande­re Far­ben, ande­re State­ments, ande­re Fly­er und Pla­ka­te sind tabu. Ich füh­le mich nicht als Teil der quee­ren Com­mu­ni­ty. Ich bin les­bisch und Femi­nis­tin – und das ist auch gut so.

75 Jah­re Grund­ge­setz und mir wird angst und ban­ge. Geschich­te wie­der­holt sich doch. Wie sag­te schon Hed­wig Dohm vor mehr als 100 Jah­ren: „Mehr Mut Ihr Frauen!“

Der Dieb­stahl unse­rer Frau­en­ge­schich­te treibt selt­sa­me Blü­ten. Ama­zo­nen, Suf­fra­get­ten, Jean­ne d´ Arc, Eli­sa­beth I. sol­len trans gewe­sen sein. – Mei­ne Band, die „Fly­ing Les­bi­ans“, wur­de schon als „Mei­len­stein der quee­ren Musik­ge­schich­te“ bezeich­net. Geht‚s noch?? Wir waren les­bisch und nicht que­er, sonst hät­ten wir uns Fly­ing Que­ers genannt. Und das klingt rich­tig scheiße.

Selbst in wis­sen­schaft­li­chen  Publi­ka­tio­nen krie­gen Les­ben Ster­ne ver­passt. „Les­bi­sche * Lebens­wel­ten“ heißt die Arbeit einer His­to­ri­ke­rin. Les­ben mit Stern. Auf mei­ne Fra­ge, wen sie denn damit mei­ne, ant­wor­te­te sie: Sie wol­le den vie­len Les­ben aus der Geschich­te, die sich vor 100 Jah­ren viel­leicht noch nicht Les­ben nann­ten, gerecht wer­den. Das klingt ziem­lich kon­stru­iert. Aber das Stern­chen passt doch zu gut ins ideo­lo­gi­sche Kon­zept der neu­en, deut­schen Sprach-Be„herr“schung. Wir wol­len doch nicht, dass sich Ker­le mit Penis wis­sen­schaft­lich irgend­wie ver­nach­läs­sigt fühlen. 

Das Selbst­bestim­mungs­gesetz ist durch. Im grün, gelb, roten  Selbst­be­die­nungs­la­den wird die Packung mit dem Inhalt „Frau“ aus dem Sor­ti­ment gekippt. Mann steht jetzt als Frau im Regal. Trotz der bun­ten Schleif­chen eine schon reich­lich ange­gam­mel­te „Mogel“-Packung. Mit die­sem Gesetz hat Lisa Paus, nach mei­nem Gefühl – vor allem mit ihrem Man­tra „Trans­frau­en sind Frau­en“- ihren gan­zen ver­in­ner­lich­ten Frau­en­hass raus­ge­hau­en. Oder war es nur ganz banal ein poli­ti­scher Kuh­han­del mit der Lob­by? Das recher­chiert jeden­falls kein inves­ti­ga­ti­ves, „gemein­wohl­ori­en­tier­tes Medi­en­haus“. Jeden­falls geht Minis­te­rin Paus damit in die Geschich­te ein. Als frau­en­feind­lichs­te Frau­en­mi­nis­te­rin aller Zei­ten. – Wahr­schein­lich ist es ihr egal. Die Pen­si­on ist ja sicher. 

Wohl­ge­merkt: es geht mir nicht um die paar Trans­se­xu­el­len, die unter Geschlechts­dys­pho­rie lei­den. Ich empö­re mich, weil die Kam­pa­gne der Trans­ak­ti­vis­ten immer dreis­ter wird.

Nie hät­te ich gedacht, dass das Pen­del ein­mal der­ma­ßen – wie ich mei­ne – nach  r e c h t s  aus­schla­gen wür­de. Die­ser Back­lash, der sich Fort­schritt nennt, ist jeden­falls nicht links. Er ist reak­tio­när. Es hat mich kalt erwischt. Mei­ne Welt wur­de mir wie ein Tep­pich unter den Füßen weg­ge­zo­gen. Ich hät­te es wis­sen müs­sen. Frau­en haben kein Vater­land. Ilse Fra­pan hat das gesagt. Vor 120 Jah­ren. Sie war Radikalfeministin.

Wir haben kein Vater­land und kei­ne Geschich­te. Unse­re Geschich­te ist jetzt „que­e­re Geschich­te“. Alles unter einer Flag­ge. Akti­vis­ten bemäch­ti­gen sich unse­rer Spra­che, unse­rer Poli­tik, unse­rer Kul­tur, unse­rer femi­nis­ti­schen Netz­wer­ke. Was nicht gefällt, wan­dert in den Gift­schrank, ande­res wird ein­fach weg­ge­schmis­sen. Genau wie in Geor­ge Orwells „1984“ wird die Wahr­heit ver­dreht. Der Raub­zug durch unse­re Geschich­te geht wei­ter. Wohin sol­len wir unse­ren Nach­lass brin­gen? Wel­ches Archiv wird dem­nächst unse­re Schät­ze hüten? Schon jetzt kni­cken Les­ben- und Frau­en­ar­chi­ve ein. Ein Stern­chen hier, eins dort.

Frau­en beschlei­chen die glei­chen Ängs­te wie 1933. Die Nazis hat­ten Lis­ten unlieb­sa­mer Regime­geg­ne­rin­nen. Vie­le Frau­en­ver­ei­ne schlos­sen sich dem neu­en Regime frei­wil­lig an. Ande­re Grup­pie­run­gen lös­ten sich auf, um nicht ein­kas­siert zu wer­den. Vie­le Akti­vis­tin­nen flo­hen ins Exil. Frau­en wur­den  ermor­det. Unter den jüdi­schen Opfern vie­le Frauenrechtlerinnen.

Ich bin Jour­na­lis­tin. Als ich Anfang der 70er Jah­re an der FU Ber­lin Geschich­te stu­dier­te, gab es nichts über Frau­en. Aber ganz lus­ti­ge Sto­ries. Zum Bei­spiel über die Ama­zo­nen. Der Prof. aus der Abtei­lung Alte Geschich­te erzähl­te, die Ama­zo­nen hät­ten sich eine Brust aus­ge­brannt, um ihren Bogen bes­ser span­nen zu kön­nen. Das ist natür­lich Quatsch. Ich habe es aus­pro­biert. Eine wei­che, weib­li­che Brust stört noch weni­ger beim Bogen­schie­ßen, als ein fet­ter Schmer­bauch. Und den bren­nen sich die Ker­le ja auch nicht weg.

Mir fällt ein Zitat von Chris­ti­ne de Pizan ein. Die Autorin des Buches „Stadt der Frau­en“ schrieb vor 600 Jah­ren: „Im glei­chen Maße, wie der Kör­per einer Frau wei­cher ist als der des Man­nes, ist der weib­li­che Ver­stand schärfer.“

Wir ste­hen auf den Schul­tern unse­rer Schwes­tern. Ohne femi­nis­ti­sche His­to­ri­ke­rin­nen gäbe es kei­ne Frau­en- Geschichts­for­schung. In den 90ern wur­de dar­aus ruck, zuck die Gen­der­for­schung. Also wie­der  alles m i t dem Mann. Wie ein klei­ner, knat­schi­ger Bru­der hängt er uns am Rock­zip­fel. Wie heißt es so schön: „Wenn Du flie­gen willst, musst Du erst den Mist los­wer­den, der Dich run­ter­zieht.“ Also Schwes­tern, lasst uns fliegen!

Als Stu­den­tin­nen haben wir in den 70ern jedes Semi­nar gestürmt, jede Vor­le­sung. „Hey, wo sind die Frau­en? Was woll­ten sie?“ Wir wuss­ten längst mehr als die Profs, die übri­gens alles Män­ner waren. Wir hat­ten die Archi­ve und pri­va­ten Anti­qua­ria­te in Ber­lin und ande­ren Städ­ten durch­kämmt. Wir ent­deck­ten in stau­bi­gen Rega­len, was die Nazis bei der Bücher­ver­bren­nung 1933 über­se­hen hat­ten. Und was glück­li­cher­wei­se von Men­schen ver­steckt wor­den war.

Es war, als wür­den wir Frau­en einen neu­en Pla­ne­ten betre­ten. Unse­ren Pla­ne­ten. Das gan­ze ver­schüt­te­te Wis­sen: Frau­en in der Früh­ge­schich­te, zur Zeit der Hexen­ver­fol­gung, fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, die Frau­en der 1848er Revo­lu­ti­on, Pira­tin­nen, Frau­en­zünf­te, Mäd­chen­bil­dung, Frau­en­stu­di­um, Arbei­te­rin­nen, Ärz­tin­nen, ers­te Frau­en­be­we­gung, Les­ben, Suf­fra­get­ten, das Wahl­recht, Frie­dens­kon­fe­renz Den Haag, Frau­en in der Wei­ma­rer Repu­blik, Par­ti­sa­nin­nen im spa­ni­schen Bür­ger­krieg, Frau­en in der NS-Zeit, Frau­en im Wider­stand. Opfer und ja: auch die Täterinnen.

Frau­en­ge­schich­te ist ja kein Wun­der­land. Zu allen Zei­ten gab und gibt es auch die Frau als Kriegs­ge­winn­le­rin, Mit­läu­fe­rin, Verräterin.

Ver­rat. Den Frau­en, die um 1600 als soge­nann­te Hexen ver­folgt wur­den, kann ich kei­nen Vor­wurf machen. Sie wur­den so lan­ge mit glü­hen­den Eisen gequält, bis sie die Namen ande­rer Frau­en ver­rie­ten. Die „hei­li­ge“ Inqui­si­ti­on – nichts ande­res als ein groß ange­leg­ter Femi­zid. Ein gut geschmier­tes Räder­werk. Eine Geld­ma­schi­ne. Der Besitz der Frau­en fiel in die Hän­de von Kir­che und Staat. 

Nur ein Bei­spiel: am 16. Juli 1629 wird Anna Matz­et aus  Mer­gen­theim in Fran­ken ver­hört. Sie weiß, sie hat kei­ne Chan­ce, aber sie kämpft wie eine Löwin, haut sogar wütend mit der Faust auf den Tisch. Unter der Fol­ter schließ­lich dreht sie den Spieß um und beschul­digt ihre Pei­ni­ger der Hexe­rei. Dem Schöf­fen Schnei­der schreit sie ins Gesicht: „Denk mal an Dei­ne eige­ne Frau, die ihr als Hexe ver­brannt habt“. 

Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on. Sie gilt ja als Wie­ge der Demo­kra­tie. Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit. Brü­der waren nicht alle: aus­ge­nom­men waren Juden, Schwar­ze, das Pro­le­ta­ri­at und die Frau­en. Nur die wei­ßen Rei­chen soll­ten sich ver­brü­dern. Für Olym­pe de Gou­ges ein Skan­dal. Sie schrieb ihre „Erklä­rung der Rech­te der Frau und Bür­ge­rin“. Ein klu­ges, gran­dio­ses Werk. Glei­che Rech­te für Frau­en. Über­all. Lei­der wur­de ihr die Wid­mung an Köni­gin Marie Antoi­net­te zum Ver­häng­nis. Der Vor­wurf: De Gou­ges sei eine reak­tio­nä­re Roya­lis­tin. So wie es heu­te heißt, wir wären alle rechts­ra­di­kal und von Rech­ten finan­ziert. Kil­ler­phra­sen – damals wie heute.

Dank der femi­nis­ti­schen Geschichts­for­schung ist Olym­pe de Gou­ges nicht ver­ges­sen. Trot­zig rief sie: „Die Frau hat das Recht auf ein Scha­fott zu stei­gen, sie muss auch das Recht haben, auf eine Red­ner­tri­bü­ne zu stei­gen.“ Sie starb am 3.November 1793 unter der Guil­lo­ti­ne. Nur einer von unzäh­li­gen Mor­den der „revo­lu­tio­nä­ren“ Genos­sen. Alles im Namen des Fortschritts.

Fort­schritt. Mir drängt sich ein Ver­gleich mit heu­te auf. Die Ope­ra­tio­nen, die Lebens lan­gen Hor­mo­ne. Expe­ri­men­te. In 50 Jah­ren wer­den sie wie­der sagen: davon habe ich nichts gewusst.

So wie die mas­sen­wei­se Geni­tal-Ver­stümm­lung von Frau­en Ende des 19.Jahrhunderts ver­ges­sen ist. Die Medi­zi­ner hat­ten den Ute­rus ent­deckt. Natür­lich gibt es lebens­be­droh­li­che Unter­leibs­er­kran­kun­gen. Damals aber wur­de eine neue „Frau­en­krank­heit“ kre­iert. Die Hys­te­rie. Um sie davon zu „hei­len“, wur­de tau­sen­den Frau­en die Gebär­mut­ter ent­fernt. In  Psych­ia­trien und Armen­häu­sern wur­den sie mit Elek­tro­schocks und kal­ten Bädern gequält. Wider­stand, Schreie und Wut­aus­brü­che sah man als Beweis für die Hys­te­rie an. Ein Teu­fels­kreis aus dem es kein Ent­kom­men gab. Die US-ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­the­ra­peu­tin Phyl­lis Ches­ler hat in ihrem Buch „Frau­en – das ver­rück­te Geschlecht“ über die Zwangs­maß­nah­men berich­tet und dar­über wie Frau­en krank gemacht „wer­den“. Medi­zin im Namen des Fort­schritts. Damals wie heute.

Übri­gens: von einer männ­li­chen Hys­te­rie mit mas­sen­wei­sen Kas­tra­tio­nen, zur Vor­beu­gung von Gewalt­ex­zes­sen ist mir nichts bekannt. Ein Mann lässt sich nicht beschnei­den. Weder in sei­nen Rech­ten noch unten­rum. Frau­en aber sind wehr­los – weil sie recht­los sind.

Geni­tal­ver­stümm­lung ist das grau­sams­te Ver­bre­chen an klei­nen Mäd­chen. Es exis­tiert nach wie vor. Auch Tran­si­tio­nen sind nicht immer frei­wil­lig. In Asi­en boomt das Geschäft. Allein in Bang­kok gibt es 20 Kli­ni­ken mit je 200 Ope­ra­tio­nen jähr­lich. Nicht weni­ge jun­ge Men­schen lan­den als Lady­boys in der Pro­sti­tu­ti­on. Das Inter­net ist voll mit Ange­bo­ten die­ser Art. Frei zugäng­lich. Das ist die schwar­ze Sei­te der bun­ten Vielfalt.

Wir kön­nen davon aus­ge­hen, dass Eli­sa­beth Sel­bert vie­le Bei­spie­le aus der Frau­en­ge­schich­te kann­te. Nicht zuletzt, weil Ani­ta Aug­spurg, eine radi­ka­le Akti­vis­tin aus der ers­ten Frau­en­be­we­gung und eben­falls Juris­tin wie Sel­bert, schon Jah­re zuvor betont hat­te: „Die Frau­en­fra­ge ist in aller­ers­ter Linie eine Rechtsfrage.“

Eli­sa­beth Sel­bert hat sich nicht als Femi­nis­tin bezeich­net, aber sie war eine sehr erfolg­rei­che Kämp­fe­rin für Frauenrechte.

Was wür­de sie zum SBGG sagen? Die­ses woke Dings­da ist doch nichts ande­res als ein Fron­tal­an­griff auf den von ihr durch­ge­setz­ten Arti­kel 3, Abs 2 des Grund­ge­set­zes. Noch heißt es da: „Män­ner und Frau­en sind gleich­be­rech­tigt.“ Sol­len jetzt in letz­ter Kon­se­quenz alle erdenk­li­chen, gefühl­ten Geschlech­ter ins Grund­ge­setz? Wird es dann irgend­wann hei­ßen: „Män­ner und alle ande­ren Geschlech­ter sind gleich­be­rech­tigt“? – Nie­mals! Dies ist eine Demo­kra­tie und kein Wunschkonzert.

Die Frei­heit der Frau­en ist ein immer­wäh­ren­der Kampf.

Das Patri­ar­chat zieht alle Regis­ter, um Frau­en zu behindern.

Zu spät haben wir erkannt, dass Män­ner im Patri­ar­chat wirk­lich alles dür­fen: sogar Frau­en wer­den. Jeden­falls das, was sie dafür hal­ten. Die Geschich­te lehrt uns, dass wir nichts geschenkt bekom­men. Frei­wil­lig gibt kein Kerl etwas her.

Ich habe das Gefühl, dass wir drin­gend Unter­stüt­zung brau­chen. Ich rufe daher die Schwes­tern von ges­tern. Viel­leicht kön­nen sie ja zau­bern: Sap­pho, Chris­ti­ne de Pizan, Arte­mi­sia Gen­ti­le­schi, Olym­pe de Gou­ges, Emma Her­wegh, Ama­lie Struve, Loui­se Otto-Peters, Camil­le Clau­del, Hed­wig Dohm, Emi­ly, Chris­t­abel und Syl­via Punk­hurst, Hele­ne von Drus­ko­witz, Min­na Cau­er, Vale­rie Sol­a­nas, Phoo­lan Devi, Naval El Saa­da­wi, Vere­na Ste­fan, Mag­gie Töpfer.

Ihr wisst ja, bra­ve Mäd­chen kom­men in den „Gender“-Himmel – alle ande­ren aber kom­men über­all hin.

In die­sem Sin­ne – lasst uns aufbrechen!

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